Lernbüro: Schülerorientierter Unterricht an der IFK

Mathematikunterricht ist nicht immer beliebt bei Schülern. Einige meinen, Zahlen lägen ihnen einfach nicht und sie würden Mathe nie verstehen. Dr. Dorothea Vielmetter, eine erfahrene Mathematiklehrerin am Gymnasium, sieht aber noch einen anderen Grund für den Frust, den diese Schüler haben. Ihrer Meinung nach liegt das Problem unter anderem auch am traditionellen Frontalunterricht.

Wenn alle Schüler stets den gleichen Unterricht bekommen, so kann dieser Unterricht kaum die Bedürfnisse jedes einzelnen erfüllen. Ihrer Erfahrung nach erreicht der Lehrer damit zumeist den durchschnittlichen Schüler am besten, während der starke Schüler unterfordert und der schwache überfordert ist. Die Konsequenz kann dann sein, dass sich diese Schüler langweilen und nicht mehr aufpassen. Gerade bei schwachen Schülern ergibt sich dadurch schnell die Situation, dass der Schüler von der Klasse abgehängt wird: Er holt nicht mehr zu den anderen auf und es kommen mehr und mehr Defizite dazu. Irgendwann überwiegt der Frust wohlmöglich so sehr, dass er aufgibt und beschließt, Mathe nicht zu „können“.

Ziel des Unterrichts an der IFK ist es, Schüler so individuell zu fördern, dass es nicht zu dieser Entwicklung kommt. Ein Lösungsansatz dafür ist das sogenannte Lernbüro, das es am Gymnasium für Deutsch und Mathematik in den Klassen 5 bis 9 gibt. Dabei handelt es sich um eine Methode, die aus der Reformpädagogik stammt. Sie sieht vor, dass Schüler in ihrem eigenen Tempo und selbstständig lernen. Dabei folgen sie natürlich trotzdem den Lehrplänen von NRW. Allerdings nutzen sie Materialien, mit denen sie sich in ihrem eigenen Tempo ein Thema beibringen und ihren Fortschritt und ihr Verständnis anhand von Checklisten und Lösungsblättern selbstständig überprüfen können. Erst wenn sie die Materialien durchgearbeitet und verstanden haben, schreiben sie einen Test darüber. Der Lehrer wird dadurch aber nicht obsolet. Nicht nur haben Lehrer der IFK die Materialien hierfür selbst entwickelt und zusammengestellt, sondern sie begleiten die Schüler auch dabei und helfen gezielt da, wo es Fragen und Probleme gibt. Dies gibt Lehrern wie Frau Dr. Vielmetter die Möglichkeit, viel individueller auf die Schüler einzugehen. Sie erklärt jedem nur das, was er oder sie noch nicht verstanden hat. Bei einem schwachen Schüler ist das etwas anderes als bei einem starken, aber dieser Ansatz erlaubt es ihr, sich die Zeit für den schwachen Schüler nehmen während der starke weiterarbeiten kann und sich nicht langweilen muss.

Jeder SIMG 8978 edited blogchüler der Klassen 5 bis 6 und zum Teil darüber hinaus führt ein so genanntes Logbuch. In diesem Buch wird wöchentlich ein Plan gemacht, was er oder sie beabsichtigt, in dieser Woche durchzuarbeiten. Am Ende der Woche bewertet der Schüler gemeinsam mit seinem Tutor seinen Erfolg. Auch die Eltern werden eingebunden und können im Logbuch stets mitverfolgen, was ihr Kind gerade lernt und wo es eventuell noch Schwächen hat. Dabei misst sich der Schüler an sich selbst und es stehen seine Fortschritte im Vordergrund und nicht der Vergleich mit dem Rest der Klasse. Beim Lernbüro kann der wöchentliche Plan ganz individuell auf den Schüler abgestimmt werden, sodass zum Beispiel ein starker Schüler zusätzliche Aufgaben bekommt oder ein Schüler, der krank war, unproblematisch Stoff aufholen kann. Selbst im Rahmen der Inklusion ist diese individuelle Art des Unterrichts gut anzuwenden.

IMG 8973 edited blogKonkret sieht das Lernbüro so aus: Es ist Montagmorgen und bei Frau Dr. Vielmetter steht Lernbüro mit der 7a auf dem Stundenplan. Fünfzehn Schüler sitzen in einem Klassenraum; Frau Dr. Vielmetter sitzt vorne an ihrem Pult. Die Schüler verfolgen ihren Wochenplan. Sie benutzen unterschiedliche Arbeitsblätter und Materialien, die die Themen veranschaulichen, mit denen sie sich beschäftigen. Wenn sie ein Arbeitsblatt ausgefüllt haben, gehen sie zu einem Wagen mit Ordnern, wo sie ihre Antworten überprüfen und sich mit weiterem Material versorgen können. Wenn sie eine Frage haben, gehen sie zu Frau Dr. Vielmetter. Fast durchgängig steht mindestens ein Schüler bei der Lehrerin und stellt Fragen. Manche Schüler sind oft dort, andere gar nicht. Ein Junge versteht nicht, wieso er eine andere Lösung erhalten hat als die, die auf dem Lösungsblatt steht. Frau Dr. Vielmetter nimmt sich die Zeit, die Aufgabe zusammen mit ihm nachzurechnen. Eine Schülerin stellt fest, dass sie sich nicht mehr genau erinnert, wie das nochmal war, wenn man Minuszahlen multipliziert. Frau Dr. Vielmetter empfiehlt ihr Lernmaterialien, mit denen sie dies wiederholen kann. Es wird leise gesprochen, unaufgeregt. Man merkt, dass alle beschäftigt sind. Immer wieder freut sich ein Schüler wenn er etwas verstanden hat oder wenn er seine Lösungen überprüft und alles stimmt.

Fragt man Frau Dr. Vielmetter, ist dies etwas, das auch Eltern kommentieren: Selbst Schüler, die schwach in Mathematik sind, haben Erfolgserlebnisse, die sie motivieren, am Ball zu bleiben. Zusätzlich hat die Methode aber auch noch einen anderen Nebeneffekt: Frau Dr. Vielmetters Klasse lernt das Lernen. Sie ist nicht darauf angewiesen, dass jemand vor ihr steht und ihr ein Thema „vorkaut“, sondern erlernt Strategien, sich selbst etwas Neues beizubringen. Das ist eine Fähigkeit, die den Schülern im Laufe ihres Lebens immer wieder zugutekommen wird; schließlich kann heute niemand so genau sagen, welches Wissen in 20, 40 oder 60 Jahren gebraucht werden wird. Aber jemanden, der sich selbst das Nötige (und sogar Mathe!) beibringen kann, den kann so leicht nichts aufhalten.

Fotografie: Nadine Hoffmann

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Tags: Lernbüro, Gymnasium, Reformpädagogik, Mathematik, Deutsch